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Maskenball. Fragmente eines Unbehagens (2020-2021)

Autor: Gabriele Ziethen


Text | Fiction - Der hier in Fortsetzungsform vorgestellte Text beginnt im Juli des Jahres 2055 und beschreibt die verstörenden Ereignisse während der sog. "Corona-Pandemie" im Frühjahr 2020/21. Die Quellen des Textes sind reale Tagebucheinträge aus dieser Zeit und eine Loseblattsammlung bestehend aus Presseberichten, Fragmenten von E-Mail-Korrespondenzen, handschriftlichen Notizen und spontanen digitalen Posts in sozialen Netzwerken, wodurch auch die gewollt stilistischen Brüche innerhalb des Textes zustande kommen. Mit dieser Sammlung entstand eine sehr gemischte Form eigentümlicher Primärquellen, die in der geplanten Printausgabe genannt werden. Ihr fragmentarischer Charakter regt zum Nachdenken über den Quellenwert von Nachrichten im digitalen Zeitalter an, deren Relevanz in der Kombination mit einem veränderten Zeitverhältnis auch einer unterschiedlichen Bewertung unterliegt. Der Grundgedanke dieser Darstellungsform beschäftigt sich mit den literarischen Möglichkeiten, diese Zusammenhänge im akademischen Unterricht auf kreative Weise anzusprechen.


Die Texte können hier seitens der Leser im Rahmen der üblichen Netiquette unten im Gästebuch (guestbook) kommentiert, ergänzt oder fortgesetzt werden. Bitte beachten Sie: Leserkommentare, die gegen gültige Gesetze verstoßen, werden umgehend gelöscht werden.


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Zeit | Jahr 263 der Französischen Republik

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- Der Beginn -
263/Thermidor/Décade I, Jour du Primidi

Die Party war vorüber. Es hatte uns kalt erwischt. Ich entsinne mich einer pandemischen Überraschung, mit der niemand umzugehen wußte und die niemand haben wollte. Das ist jetzt lange her und die Zeit danach wurde zu einer gefährlichen Normalität. Seit jenem Frühjahr 228 kann ich keines der üblichen Kalenderblätter mehr sehen. Den meisten Menschen ist kaum bewußt, daß sie täglich in Zeitmustern denken, deren Ursprünge der Bronze- und Eisenzeit entstammen. Spätestens aber nachdem die Naturwissenschaften sich auf die Benennung des Anthropozäns verständigt hatten, war mir klargeworden, daß wir damit begannen, uns von der Einbindung in die Natur lösend uns über diese und uns selbst zu erheben. Aber trotz gegenteiliger Behauptungen gelang es auch nicht mehr, diese geschundene Natur zu reparieren. Das schleichende Gift, das uns kaum bemerkbar zugesetzt hatte, hieß „Vermassung der Bedürfnisse“.
Vieler Mittel hatte man sich zum Erreichen dieses fragwürdigen Zieles bedient. Mit den Körpern wurden damals auch die Köpfe krank, mit denen Weltsichten verlautbart wurden, die selbst vor Parlamenten nicht haltmachten. Deswegen hatte ich damals irgendwann begonnen, nach der Zählung der französischen Republik zu datieren – diese bot einen noch jungen Kalender und ließ den Ballast der herkömmlichen Feiertage, die von einer internetabhängigen Gesellschaft sowieso nicht mehr geheiligt worden waren, hinter sich. Außerdem ließ sich mit diesem Kalender besser der Lebenstakt der digital gesteuerten post-pandemischen Republiken beschreiben. Die Woche zu zehn Tagen gerechnet standen in meiner Vorstellung auch mehr Tage für den seitens der Ökonomen gewünschten Konsum und zum „Einkaufengehen“ zur Verfügung, sofern überhaupt Geld auf den elektronisch überwachten Konten aufgebucht worden war.
Das ist jetzt sehr lange her, fünfunddreißig Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe bereits das Alter meiner Großmütter erreicht, denen neunzig Jahre und mehr vergönnt waren. Glücklicherweise ist deren gutes Erinnerungsvermögen und deren Wille zum eigenen Denken auch mir gegeben, für einen Historiker ein großer Vorteil.
Doch nun brauche ich keine fremden Archive mehr zu durchsuchen. Mein eigenes über Jahrzehnte gewachsenes Archiv ist mein Forschungsraum. Es bedarf der Sichtung. Heute ist ein ruhiger Tag. Ich vertiefe mich in meine Kästen und Faltordner, auf denen „2020“ steht, eine Zahl, die mich erschrecken läßt. Vorsichtig öffne ich den Deckel des ersten Kastens …

Ich sehe säuberlich in beschrifteten und datierten Briefumschlägen geordnet eine Anthologie zu Themen der damaligen Zeit …


- Was damals geschah -


228/Mois de Vêntose/Décade II/Jour du Tridi

Die Menschen spürten, daß etwas Ungewisses auf die Gesellschaft zukam. Das konnte man den Informationen der Medien entnehmen, deren Berichte über einen Krankheitsausbruch im fernen Asien berichteten. Gefühlt brachen alte Vorbehalte in den Gemütern auf, dabei hatte man doch die fernen Weltgegenden schon seit Jahrzehnten im Rahmen touristischer Reisen kennengelernt. Wo waren plötzlich die Gewißheiten der Globalisierung? Begann schon jetzt die Vorstellung eines unbegrenzt begehbaren global village zu zerbröckeln? Die Stimmung wurde gereizter im Umgang miteinander, in den Läden, in den Gesprächen und im Straßenverkehr. Auf den Landstraßen und in den überfüllten Innenstädten reihte sich Auto an Auto, der knapp werdende öffentliche Parkraum war schnell zugestellt, die Busse aber waren leer mit Ausnahme der überquellenden täglichen Schülertransporte. Hinzu kamen noch die endlosen Fernsehdebatten über die Themen der Migration und ihrer Ursachen. Sie hatten eine Abneigung gegenüber „dem Fremden“ hervorgerufen, auch hier wurden Ängste, meist materieller Art, geschürt. Im Tagebuch finde ich einen Eintrag, der zeigt, daß selbst Landsleute eine alltägliche Gegebenheit nicht richtig einzuschätzen vermochten: „Mit einem überbordend vollbepackten Einkaufswägelchen, eine Packung Haushaltsrollen unter den Arm geklemmt, trat ich heute den Weg vom Supermarkt nach Hause an. Wegen der unangenehmen Kühle der frühen Abendstunden trug ich eine Wollmütze und war warm verpackt in einen Steppmantel. Ein Unfallgeschehen an einer Straßenkreuzung in der Nähe meiner Straße versperrt mir den Weg. Die Autos stehen kreuz- und quer herum, Lastkraftwagen schlängeln sich gegen die Fahrtrichtung zwischen Verkehrsbaken hindurch, ein Polizist regelt den Verkehr; ich bin der einzige Fußgänger. Wegen der unklaren Verkehrssituation in der Dunkelheit spreche ich den Polizisten freundlich an und frage, ob der Überweg für Fußgänger schon freigeben sei oder ob ich an einer anderen Stelle die Straßen überqueren solle. Abschätzig musterte er mich und rief mir zu ‚Das ist ein freies Land, Sie können laufen, wo Sie wollen‘. Während er das sagte, ging sein Blick mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken des Kopfes in Richtung des Flüchtlingsheimes, dessen Gebäude in entgegengesetzter Richtung hinter mir lag. Offenbar hatte er mich mit einem der dortigen Bewohner verwechselt, denn diese tragen auch Steppjacken und Wollmützen, die aus den Kleiderspenden der sozialen Hilfswerke stammen. Damit war mir klargeworden, daß ich in der Gesellschaft der Verunsicherten angekommen war. Eilig ging ich nach Hause und schloß die Tür.“


228/Mois de Vêntose/Décade III/Jour du Primidi — 228/Mois de Geminal/Décade I/Jour du Tridi

Beim Weiterblättern im Tagebuch sehe ich, daß die Einträge dichter wurden, gedrängter in der Zusammenfassung, fast kurzatmig wirkend. Von „medialer und öffentlicher Hysterie“ ist die Rede; irgendein Aktionismus griff um sich. Da sehe ich noch die Notiz „Bildungseinrichtungen beenden den Unterricht“, alle Formen des direkten Unterrichtes wurden abgesagt, weil „soziale Kontakte“ vermieden werden sollen, was auch für die Religionsausübung galt, deren Institutionen sich in eine auffallende Schweigsamkeit hüllten. Das alles wirkt noch zusammenhanglos. Auch wurden Stimmen nicht gehört, die in der „übertriebenen Haustierhaltung“ eine Gefahrenquelle für die Gesundheit der Menschen sahen. Berichterstattungen können kaum noch gezählt werden. Die Angst wegen fehlender Krankenhausbetten und bereits eingetretener Engpässe in der Versorgung mit Hygieneartikeln lassen aufhorchen, der Einzelhandel geriet in Schieflage, weil nur Kettenläden weiter geöffnet haben durften. Weiter wurde vermerkt, „der öffentliche Ton wirke belehrend und bevormundend“. Ein weiterer seltsamer Satz im Tagebuch fällt mir auf: „…wir werden uns darauf einstellen müssen, daß unsere Gesellschaft von der Gier … {nicht lesbar} zerstört werden wird“. Ausgangsbeschränkungen wurden ausgesprochen – Unternehmen stellten „Passier“bescheinigungen aus, die Börsen reagierten unruhig … Dann noch ein paar Zettel mit Notizen über erschreckende Ereignisse in anderen Ländern; das ganze 20. Jahrhundert wird plötzlich aufgestöbert und hochgekocht. Die Sache erhält eine neue Dimension.

Für heute beende ich die Lektüre, ich ahne aber, daß die nächsten Lesestunden nicht erfreulich werden. Aber was ist für einen Historiker schon erfreulich?


228/Mois de Geminal/Décade  I/Jour du Nonidi

Eigentlich habe ich heute keine Lust, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Ich lege lediglich im Vorübergehen einen Zettel, der aus der Loseblattsammlung herausgefallen war, in deren Mappe zurück; die Notiz ist kurz, ein Radiosender habe „vor der Haltung exotischer Tiere in den Wohnungen gewarnt“, denn „diese Unsitte sei im Zunehmen inbegriffen und trüge unbekannte Keime in das menschliche Lebensumfeld … Ähnliches hatte ich doch schon vor ein paar Tagen gelesen. Warum alles nochmal? Eine erste Spur zum Verstehen?



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229/Brumaire/Décade I/Jour du Nonidi

Ich finde einen Zeitungsauschnitt, dem ein vergilbter Zettel angeheftet ist. Auf der Zeitungsseite war ein Zitat aus der Freitagsausgabe der FAZ Nr. 253, 30.10.2020, Seite 11 markiert: „Der Wortlaut der Beschlussvorlage über die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens zum Schutz vor Corona-Infektionen weist den Kultureinrichtungen ihren Platz zu: Theater, Opern und Konzerthäuser werden wie Bordelle, Spielbanken und Wettannahmestellen betrachtet. Was sie anbieten, sind 'Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen'. Sie werden untersagt.“ — Der angeheftete vergilbte Zettel enthält einen Briefentwurf, der offenbar als Leserzuschrift gedacht war. In einem weiteren Hinweis auf eine beiliegende Postausgangsliste fehlt aber der Eintrag. Der Entwurf wurde handschriftlich vorbereitet. Ich halte den Zettel unter meine Leselampe und sehe, daß die damalige Gesellschaft offenbar an der Demontage ihres Kulturlebens arbeitete und litt. Das lesbare Fragment der möglicherweise nicht abgeschickten Lesermeinung lautete: „Die Untersagung von Kulturveranstaltungen in Museen (wie auch in Ihrem Beitrag erwähnt), Theatern, Opern und Konzerthäusern offenbart ein eingeschränktes und ärmliches Kulturverständnis, denn Kultur ist – wie bereits der Arzt und Dramaturg Friedrich Schiller im Mai 1789 mit seiner von aktuellen Krisen (Seuchen, Verarmung) inspirierten Antrittsvorlesung zu Jena thematisierte – nicht nur die Veranstaltung von systemabhängigen „Brotgelehrten“, sondern auch das Arbeitsergebnis des weltgewandten philosophische Kopfes, der in der Lage ist, zu erkennen, zu betrachten, abzuwägen und zu werten, denn Kultur wächst von Menschen getragen in ihrer Gesamtheit und Vielfalt und prägt die Identität, Religion, Moral- und Rechtsauffassung dieser Menschen, was die Folgerung zuläßt, daß die heutige Gleichsetzung entsprechender Berufsgruppen mit der flüchtigen Welt von Wettbüros, Rotlicht-Berufen und Spielbanken die Stumpfheit einer Zockermentalität offenbart, die ihren Weg verloren hat und sich an einer unrealistischen Kreditwirtschaft zur Finanzierung überflüssiger Massenprodukte berauscht – der philosophische Kopf ist nicht die Hure des Systems, denn er weiß, daß diese Kasinomentalität auf lange Sicht nicht systemrelevant ist und somit eine aus ihr resultierende bevormundende Politik keinen Bestand haben wird. Wem das zu kompliziert ist, der lese in Ciceros de re publica die Ausführungen zum Kreislauf der Verfassungen – dort steht, wie es weitergehen kann….“.


229/Brumaire/Décade II/Jour du Duodi

Und offenbar ging es auf mehreren Ebenen weiter, denn zum gleichen Zeitpunkt wurde ein alter Streit wieder zum Entflammen gebracht, indem man das orchestrierte Unbehagen in den religiösen Raum transportierte und mittels bildlicher und verbaler Einlassungen den Schulunterricht zum Austragungsort machte. Der Eintrag auf der vergilbten Karteikarte in meinen Händen kündet von den unabsehbaren Folgen der allgemeinen Gereiztheit, weil bald alle Seiten nicht mehr wußten, was recht und anständig ist. Das Thema wurde, wie ich weiter las, auf allen Ebenen angegangen: auf der Rückseite der Karteikarte finde ich die Abschrift einer Notiz, die zum Thema in den sozialen Medien veröffentlicht worden war, nachdem man in den Straßen der schönen Städte Europas begonnen hatte, sich gegenseitig umzubringen. Auch die Schüler wurden mithineingezogen und man ließ sie zu ad-hoc Memorialveranstaltungen antreten. Darüber berichteten sogar die Rundfunksender (man fand das irgendwie gut?). Das war neu und wirkt im Verhalten befremdlich und mental gefährlich, weil man solche Pädagogik eher aus dem 1. Drittel des 20. Jahrhunderts kannte. Gut, daß ich in dieser Zeit nicht mehr Schüler war, fuhr mir ein entsetzter Gedanke durch den Kopf, während meine Augen wie gebannt auf die Notiz starrten, die mahnend in den sozialen Medien veröffentlicht worden war: „Zum Nachdenken | Satire ist eine uralte Literaturform seit der Antike (Mittelmeerraum). Sie dient der freien Meinungsäußerung in Wort, Bild und Schrift. Sie hat dort ihre Grenzen, wo der gute Geschmack und der Anstand verletzt werden. Die „M“-Bilder haben deswegen nichts im Schulunterricht zu suchen. Wir sollten freundlicher zueinander sein und uns von den Spaltern nicht verwirren lassen. Wir müssen eine für alle erträgliche Mitte finden.”

Ich finde unter den zahlreichen Antwortschreiben den Papierausdruck einer kleinen elektronischen Grußkarte, die ein Aristoteles-Zitat in Urdu enthält samt der Übersetzung einer pakistanischen Freundin:

„Einst kam ein Mann zu Aristoteles und sagte: ‚Ich habe von einer sehr ehrwürdigen Person Schlechtes über Dich gehört.‘ Aristoteles antwortete: ‚Seit wann sind Lästerer ehrwürdig!‘ — Wenn man also im Jahre 229 im Orient auf die Relevanz der alten griechischen Denker hinwies, denen man in der europäischen Kultur seit Jahren den Wert abzusprechen begann und die Antike als „Looser-Kultur“ bezeichnete, wie man mir — ich erinnere mich gut an jenen Abend — bereits unter dem Eindruck der Finanzkrise des Jahres 217 im Anschluß an einen Vortrag entgegenplärrte, dann legt man entweder diese Zettelwirtschaft ratlos zur Seite oder man gräbt sich weiter durch das Material, um zu den verworrenen europäischen Zusammenhängen vorzudringen.


229/Brumaire/Décade III/Jour du Nonidi

Ich finde am Boden einer kleinen Kiste eine Schachtel mit Vokabelkarten, aus deren Einträgen hervorgeht, wie die Menschen mittels Sprache und neuer Wortschöpfungen manipuliert wurden. Zu jedem Vokabeleintrag sind Hinweise auf die Fundstelle des jeweiligen Begriffes vermerkt. Daraus geht hervor, daß die Adjektive coronabedingt und coronakonform in zahlreichen Beiträgen überbordend in die Zeitungsseiten gestreut waren. Adjektive sind die Hinzugeworfenen, die das Nomen ergänzenden Begriffe. Damals traten sie als Wort-Viren selbst ihren Infektionszug in die Hirne der Leser an. Das „Eiltempo der Corona-Krise“ benebelte die Sinne, der offizielle Teil der Bevölkerung, also die Gewählten, traten als Mentaldoktoren auf und verdammten jeden Widerspruch. Die vorschnell verabreichte Medizin ihrer neuen offiziellen Gebrauchsanleitungen machte den Menschen Angst. Die Straße wurde zum Therapie-Forum, auf dessen Fläche sich Kräfte bemerkbar machten, gegen die es keine Pillen und Impfstoffe gab.



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Cairo 2018; Photo: G. Ziethen