Status: preview [27.07.2020]

Blog (in German language)

Maskenball. Fragmente eines Unbehagens (2020)

Autor: Gabriele Ziethen


Text | Fiction - Der hier in Fortsetzungsform vorgestellte Text beginnt im Juli des Jahres 2055 und beschreibt die verstörenden Ereignisse während der sog. "Corona-Pandemie" im Frühjahr 2020. Die Quellen des Textes sind reale Tagebucheinträge aus dieser Zeit und eine Loseblattsammlung bestehend aus Presseberichten, Fragmenten von E-Mail-Korrespondenzen, handschriftlichen Notizen und spontanen digitalen Posts in sozialen Netzwerken, wodurch auch die gewollt stilistischen Brüche innerhalb des Textes zustande kommen. Mit dieser Sammlung entstand eine sehr gemischte Form eigentümlicher Primärquellen, die in der geplanten Printausgabe genannt werden. Ihr fragmentarischer Charakter regt zum Nachdenken über den Quellenwert von Nachrichten im digitalen Zeitalter an, deren Relevanz in der Kombination mit einem veränderten Zeitverhältnis auch einer unterschiedlichen Bewertung unterliegt. Der Grundgedanke dieser Darstellungsform beschäftigt sich mit den literarischen Möglichkeiten, diese Zusammenhänge im akademischen Unterricht auf kreative Weise anzusprechen.


Die Texte können seitens der Leser im Rahmen der üblichen Netiquette unten im Gästebuch (guestbook) kommentiert, ergänzt oder fortgesetzt werden.


Zeit | Jahr 263 der Französischen Republik



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263/Thermidor/Décade I, jour du Primidi

Die Party war vorüber. Es hatte uns kalt erwischt. Ich entsinne mich einer pandemischen Überraschung, mit der niemand umzugehen wußte und die niemand haben wollte. Das ist jetzt lange her und die Zeit danach wurde zu einer gefährlichen Normalität. Seit jenem Frühjahr 228 kann ich keines der üblichen Kalenderblätter mehr sehen. Den meisten Menschen ist kaum bewußt, daß sie täglich in Zeitmustern denken, deren Ursprünge der Bronze- und Eisenzeit entstammen. Spätestens aber nachdem die Naturwissenschaften sich auf die Benennung des Anthropozäns verständigt hatten, war mir klargeworden, daß wir damit begannen, uns von der Einbindung in die Natur lösend uns über diese und uns selbst zu erheben. Aber trotz gegenteiliger Behauptungen gelang es auch nicht mehr, diese geschundene Natur zu reparieren. Das schleichende Gift, das uns kaum bemerkbar zugesetzt hatte, hieß „Vermassung der Bedürfnisse“.
Vieler Mittel hatte man sich zum Erreichen dieses fragwürdigen Zieles bedient. Mit den Körpern wurden damals auch die Köpfe krank, mit denen Weltsichten verlautbart wurden, die selbst vor Parlamenten nicht haltmachten. Deswegen hatte ich damals irgendwann begonnen, nach der Zählung der französischen Republik zu datieren – diese bot einen noch jungen Kalender und ließ den Ballast der herkömmlichen Feiertage, die von einer internetabhängigen Gesellschaft sowieso nicht mehr geheiligt worden waren, hinter sich. Außerdem ließ sich mit diesem Kalender besser der Lebenstakt der digital gesteuerten post-pandemischen Republiken beschreiben. Die Woche zu zehn Tagen gerechnet standen in meiner Vorstellung auch mehr Tage für den seitens der Ökonomen gewünschten Konsum und zum „Einkaufengehen“ zur Verfügung, sofern überhaupt Geld auf den elektronisch überwachten Konten aufgebucht worden war.
Das ist jetzt sehr lange her, fünfunddreißig Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe bereits das Alter meiner Großmütter erreicht, denen neunzig Jahre und mehr vergönnt waren. Glücklicherweise ist deren gutes Erinnerungsvermögen und deren Wille zum eigenen Denken auch mir gegeben, für einen Historiker ein großer Vorteil.
Doch nun brauche ich keine fremden Archive mehr zu durchsuchen. Mein eigenes über Jahrzehnte gewachsenes Archiv ist mein Forschungsraum. Es bedarf der Sichtung. Heute ist ein ruhiger Tag. Ich vertiefe mich in meine Kästen und Faltordner, auf denen „2020“ steht, eine Zahl, die mich erschrecken läßt. Vorsichtig öffne ich den Deckel des ersten Kastens …


[Fortsetzung folgt]

Gästebuch
















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Cairo 2018; Photo: G. Ziethen