Pindar sträubt sich. (K)eine Ode für Olympia ´22 ?


Olympiaein Ort des Heiligen, der Wettkämpfe und der Begegnung. Vor allem ein Ort des Respekts vor der physischen und geistigen Leistung. Ein Ort der Disziplin und der Motivation zum Siegen, geeint im Schutz des heiligen Areals der Altis.

Die Antike wußte, weshalb es solche Orte der Begegnung und des Kennenlernens geben mußte. Unter der Obhut des Zeus, der höchsten religiösen Autorität der antiken griechischen Religion gingen die Spiele wie man im Mythos glaubte u.a. aus dem Totenkult für Pelops hervor. Lebenskraft und Todesgewißheit trafen sich im Bewußtsein der Lebensbahn.

Selbst immer in verschiedenen Sportarten aktiv, hatte ich während meines Studiums der Alten Geschichte und Archäologie die Ehre, in meinem zweiten Studienjahr im Jahr 1986 in der Olympic Academy https://ioa.org.gr/ am 2. Akademischen Olympiaseminar in Olympia/Griechenland, durchgeführt von den Universitäten Mainz/Göttingen/Bochum/Graz, teilnehmen zu können.

Das Programm war anspruchsvoll und vielfältig, vor allem aber interdisziplinär. Wir beschäftigten uns mit den griechischen Texten, begeisterten uns an den Karrieren der antiken Athleten, träumten mit den Oden Pindars, analysierten die trotz der meisterlichen technischen Umsetzung verstörend und abstoßend wirkenden Filme der schönen, aber ideologisch fehlgeleiteten Leni Riefenstahl.

Mit Blick auf den Kronos-Hügel genossen wir in den freien Stunden während des Schwimmbadbesuches den Blick auf den Kronos-Hügel, benannt nach der Urgewalt des griechischen Schöpfungsmythos. Oder wir spazierten zum ruhigen Hain, wo das Herz von Pierre de Coubertin [ https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_de_Coubertin und https://olympics.com/ioc/pierre-de-coubertin ] am Ort seiner wiederbelebten olympischen Schöpfung ruht.

Untergebracht in den ansprechenden Räumen der Akademie waren die Wege zu den Hörsälen, der Mensa oder den Seminarplätzen im Hain der großzügig angelegten Gartenanlage kurz. Unvergessen blieben die Kostproben des Honigs, den die Gärtner den Gästen anboten. Unvergessen auch die spontane Einladung einer Familie im benachbarten heutigen Ort Olympia, die unsere gesamte Seminargruppe zu kräftigem Wein und süßem Gebäck einlud.

Der Ort und die Umgebung übten einen besonderen magischen Zauber auf mich und meinen jugendlichen Elan aus. An einem noch frühen, kühlen Morgen spazierte ich heiter und entspannt durch den Hain bis ich an der steinernen Startlinie im Stadion in der Altis angelangt war. Gerade verlieh Eos rosenfingrig dem Tag einen ersten Glanz. Das Startzeichen meines Laufes. Ich lief leichtbekleidet und nur leichtbeschuht die Stadie bis zur Wendemarke – und die Stadie zurück: die Doppelstadie gelang. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmte meinen Körper und meinen Geist. Ich hatte gesiegt: gesiegt über die Angst der Entdeckung, gesiegt über die Angst der Selbstzweifel. Gesiegt in der Behauptung eines Respektes gegenüber einer Kultur, die mir bis heute nicht nur wissenschaftliche Anschauung, sondern vor allem Geistesinhalt ist. Ich erfaßte diesen besonderen Ort mit allen Sinnen.

Mein Ausflug dauerte etwas länger als eine Stunde. Meine Rückkehr blieb unbemerkt. Lediglich zum Frühstück erschien ich nach einem kurzen Schläfchen etwas später. Aber das interessierte niemanden, weil ständig irgendjemand zu spät kam. Die Magie des Ortes legte den Schleier der Unsichtbarkeit und des Schweigens über meinen Ausflug.

Das ist nun alles lange her, unsere Seminargruppe ist in alle Welt verstreut, nur mit einer Kommilitonin, die ich sehr schätze, stehe ich noch in Kontakt. Und das Interesse an Olympia blieb.

Zunehmend befremdet verfolge ich seit einigen Jahren die Destruktion des olympischen Gedankens, den Mißbrauch des Sports im Spannungsfeld von Kommerz und Politik, die ideologische Aufladung jeglicher Aktivität. Und mich stört die Hintanstellung jeglichen Respekts gegenüber den eigentlichen Werten des olympischen Gedankens. Olympische Spiele gehören dorthin, wo ihr Grundgedanke respektiert wird. Sie gehören dorthin, wo der olympische Gedanke, sei es der antike, sei es der von Pierre de Coubertin, verstanden und gelebt werden kann – wo der Geist der Antike geboren und wiederentdeckt wurde. Nach Europa. Wo gastlich die Jugend der Welt in Freiheit willkommen zu heißen ist – ohne Bevormundung, Einschränkung und Quarantänewegsperrung – in Freiheit, Selbstbestimmung und Vielfalt. Als eine Rückkehr zu den Wurzeln unserer Kultur. [04.02.2022]

                                                  Photos: G. Ziethen 1986

 

 


Zum Weiterlesen:


Olympische Studien. Berichtsband des II. Akademischen Olympia - Seminars der Universitäten Mainz und Göttingen 1986, hrsg. von N. Müller u. M. Messing, Niedernhausen/Taunus 1988.


Sportschau. Antike Athleten in Aktion, herausgegeben von J. Bartels, A. Bohne, A. Pohl, B. Rieger. Eine Ausstellung im Akademischen Kunstmuseum – Antikensammlung der Universität Bonn 17. Juni -31. Oktober 2004 (Bonn 2004).


I. Weiler, Der Sport bei den Völkern der Alten Welt. Mit dem Beitrag >Sport bei den Naturvölkern< von Chr. Ulf (Darmstadt 1981).


G. Ziethen, ... et cupitorum spes omnis Circus est Maximus - Kritik an den Wagenrennen in den Romexkursen des Ammianus Marcellinus, in: Olympische Studien. Berichtsband des II. Akademischen Olympia - Seminars der Universitäten Mainz und Göttingen 1986, hrsg. von N. Müller u. M. Messing, Niedernhausen/Taunus 1988, 103-106.


---------------------------------------------------------------------------------


You are welcome to write a commentary or proposal in German, English or French language.  For all other correspondence you are kindly requested to use the contact-form below.*

* Creative contributions, critics and proposals are welcome.

We kindly mention to follow the rules of good behavior in writing contributions in the net. Contributions that contain positions of racism, religious harassment or intolerance against the common human rights will be deleted immediately.



 

Photo: G. Ziethen 1986