Blog - Science & Conferences

Blog on Conference Northern (Arctic) Federal University, Archangelsk,

will be closed at April 30th, 2018. Texts are now in preparation for congress report. 

 

 


01. März 2018, 20:27

Conference Northern (Arctic) Federal University, Arkhangelsk, March 5-6, 2018

Gabriele Ziethen

Vortragstexte
Konferenz Northern (Arctic) Federal University,
named after M. V. Lomonossow (NARFU/CAPhY), Arkhangelsk, Russia,
05./06.03-2018
Высшая школа социально-гуманитарных наук и международной коммуникации
ул. Смольный Буян, 7
г. Архангельск, Россия, 163002
Linguistik und Philologie
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Datum: 04.03.2018
Freigabe: ab 04.03.2018
Sperrvermerk: Download/Blog auf der Webseite ab 04.03.2018
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Open access: http://www.gabrieleziethen.​de/Blog-ScienceConferences until 20.03.2018. Please use the QR-Code for direct access.
Reading: Prof. Dr. Maria Drushinina (in Russian language)
Date: Saturday, March 03, 2018
Place: Northern (Arctic) Federal University, named after M. V. Lomonossow, Arkhangelsk, Russia
General remarks:
Dear reader, we kindly invite you to join the debate. Blog will be open for reading and comment from March 4th until March 7th, 2018. Further correspondence will be possible through the contact-form of website until March 20th, 2018. Creative contributions, critics and proposals are welcome.
In order to have a fruitful exchange of thoughts, we kindly mention to follow the rules of good behavior in writing contributions in the net. Contributions that contain positions of racism, religious harrassment or intolerance against the common human rights and law will be deleted immediately.
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TEXT 01
Sektion: Vernetzung als Technologie der Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmern des Bildungsprozesses und der wissenschaftlichen Aktivitäten – Thema: Bemerkungen zum Zustand und zur Verbesserung des Austausches im Bereich der Geistes- und Sprachwissenschaften

Betrachten wir die Geschichte der Wissenschaftsbeziehungen zwischen deutschen und russischen Gelehrten, dann läßt sich seit der Zeit Peters des Großen eine vielfältige Aktivität kreativer, individueller Köpfe beobachten. Die Vertreter der unterschiedlichsten akademischen Disziplinen waren darum bemüht, mit ihren Erkenntnissen und Lehrmethoden die Generationen der Lernenden voranzubringen. Während des 19. Jhs. wurden den Dozenten manche ihrer Eitelkeiten nachgesehen: der Kopfarbeiter, Forscher, Expeditionsleiter lebte im geschützten Kosmos seines Fachgebietes, er stritt mit den Kollegen um Publikationen, Rang, Würde und Studenten – und am Ende erblühte eine reiche Wissenschaft.
Wissenschaftler können unbequeme Dozenten sein: sie sind hartnäckig, manchmal unerträglich, unzugänglich oder leutselig, doch sie sind stets um die Sache bemüht. Studenten im ersten Semester mögen zwar überfordert sein, doch weicht im Allgemeinen dieser Eindruck der Einsicht, auf irgendeine Weise an etwas Besonderem teilzuhaben.
Diese akademische Munterkeit wurde im 20. Jh. jäh unterbrochen durch Kriege und ideologische Sperren, die viel Kraft im Ringen um akademische Beweisführungen kosteten, welche auf allen Seiten oft genug in der Aporie endeten. Doch was hat es genützt? Zumindest gab es die Erkenntnis, daß das Leben andere Drehbücher schreibt als die Administration.
Neue Lichtblicke gab es für die Generation der 90er Jahre des 20. Jhs. Zugegeben, wo gehobelt wird, fallen auch Späne. Doch war es für viele in Ost und West die erste Gelegenheit, in einer Phase des Friedens mit Neugier den jeweils anderen zu entdecken. Daraus erwuchsen akademische Zusammenarbeit und Freundschaft. Man entdeckte die gemeinsamen Wissenschaftstraditionen wieder und begann sie auszugestalten. Eine wunderbare Freiheit in der Begegnung und in den persönlichen Gesprächen ermöglichte den Austausch ohne Einschränkung und Angst.
Doch war dieses „Neue“ eigentlich ein Wiederaufleben der alten gemeinsamen Tradition des im antiken aristotelischen Erbe gegründeten kritischen Nachdenkens und Forschens.
Leider gibt es seit einigen Jahren aber unschöne Disharmonien zu beobachten, die uns alle betreffen. Diese neuen Usancen liegen in der langweiligen Verschulung der Curricula an den Universitäten hier wie da. Ein kleinlicher Krämergeist addiert sogenannte „Creditpoints“, Studenten und Dozenten sind genervt ob der weltfremden Verwaltungsvorschriften, tagespolitische und religiöse Ideologisierung werfen Schatten auf den hoffnungsvollen Zukunftsweg der jungen Generation. Das Bachelor-Studium wird zunehmend durch den Gang zum Arbeitsamt gekrönt.
Das schleichende Gift der Sprachverhunzung, Angepaßtheit an die Ökonomie und den Arbeitsmarkt nimmt den Studenten die Kreativität. Scheußliche Wortadaptionen wie „Netzwerk“, „Vernetzung“, „Optionen“, „Zeitfenster“, „Sprach-Ökologie“ (in der Linguistik) und vieles dergleichen zwingen den akademischen Unterricht, zumal besonders den Sprachunterricht und die Geisteswissenschaften, in die erdrückenden Barrieren von Vorschriften und sogenannten „Modulen“. Hier öffnet sich das trickreiche Einfallstor von Ökonomie, Politik und Ideologie an den Universitäten. All das hat nichts mehr mit dem freien Geist der traditionellen humanistischen universitas zu tun. Ein Studium bedarf der Muße, des Spielerischen, man muß forschende Hartnäckigkeit und Genauigkeit erlernen – all das benötigt Zeit und verständnisvolle Dozenten, die sich vor ihre Studenten stellen, auch wenn sie diese tadeln.
Im internationalen Austausch haben die genannten Disharmonien zur Folge, daß man taktierend überlegt, „wo man denn zum Studium hingehen könnte“, ob sich die Mühen für einen Antrag oder ein Visum lohnen, vorbei sind die Zeiten, daß man an eine Universität geht, um bei einem besonderen Dozenten zu hören und mit ihm zu diskutieren. Diese Berechnung führt letztendlich auch zur Rücksichtslosigkeit bei der Gestaltung des Studiums, mit der Folge, daß Studenten und Dozenten einander lästig zu werden beginnen.
Wir sollten innehalten in diesem Tun. Das Studium ist vielmehr als Trainingsplatz und Erziehungsstube unserer Studenten aufzufassen, in unseren Seminaren können sie die Fehler machen und korrigieren, die das Leben draußen nicht verzeiht. Während des Studiums sollen Persönlichkeiten heranreifen, die in Verantwortung und Leistungsbereitschaft Gutes für die Zukunft leisten. Aufgeschlossenheit gegenüber dem Unbekannten, die Fähigkeit zur Begegnung und Freundschaft in Verschiedenheit, Kritikfähigkeit und Fachwissen bringen eine Zivilisation voran. Kleingeisterei, nationalistischer Corpsgeist, Bigotterie und Erbsenzählerei sind einer akademischen Welt nicht würdig. Es bedarf harter Arbeit, dies zu verändern, doch im Wissen um die Zukunft unserer Studenten sollten wir mit diesen gemeinsam an dieser Aufgabe arbeiten. Wer weiteres zu diesem Thema nachlesen möchte, dem sei zur Inspiration die Antrittsvorlesung Friedrich Schillers 1789 sehr empfohlen – er trat für die universelle Ausbildung des Menschen als Menschheitsperspektive ein.


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TEXT 02
Sektion: Interaktion zwischen Studenten und Dozenten bei Projektaktivitäten – Thema: Erfahrungsbericht über die Zusammenarbeit am Lehrbuchprojekt „Deutsch für Doktoranden und Wissenschaftler“, 2017

Die Zusammenarbeit am Lehrbuch „Deutsch für Doktoranden und Wissenschaftler“ resultierte aus unseren gemeinsamen Lehrveranstaltungen in Archangelsk in den Jahren 2010 bis 2016. Maria Drushinina, die bereits große Teile des Typoskriptes 2011 verfaßt hatte, lud mich zum Schreiben weiterer Textteile ein. Daraus entstand im Laufe der Jahre eine enge Zusammenarbeit, aus der zahlreiche weitere Texte hervorgingen. Unsere Themen besprachen wir mit den Studenten, deren Meinung uns sehr wichtig war. Im Laufe der Erprobung des Lehrbuches arbeiteten wir zeitgemäße Fragestellungen ein. Auch hatte Maria Drushinina den Mut, Herkömmliches zu modifizieren und altgewohnte Lehrbuchthemen in ein neues Format zu überführen, welches eine weitgefaßte Vielfalt an Aspekten zu bieten vermochte. Wichtig war uns, daß unsere eigenen Texte weltanschaulich neutral gehalten wurden, daß keine politischen, religiösen oder sonstigen weltanschaulichen Botschaften transportiert wurden und daß die Aufgabenstellungen zu den Texten die Studenten zum eigenen philologisch-kritischen Denken und zielorientierten Handeln anregen sollten. Wir waren wirtschaftlich und inhaltlich von keinen Sponsoren abhängig, niemand machte uns inhaltliche Vorgaben. Wir sahen uns dem humanistischen Ansatz verpflichtet. Dies bedeutete auch, daß wir keine Fördergelder von anderen Institutionen beantragten oder erhielten, sondern alles in Eigenarbeit leisteten; wir überwanden somit auch die Widrigkeiten des administrativen Alltages. Diese eigenwillige und selbstbewußte Arbeitsweise hat zwar das Erscheinen des Buches etwas verzögert, doch können wir uns darüber freuen, daß uns die Universität Archangelsk diese Freiheit der Arbeit ermöglichte und wir auch Unterstützung seitens eines aufgeschlossenen Kollegiums erhielten.
Als Co-Autorin des Bandes bin ich davon überzeugt, daß Lehrtexte im Sprachunterricht die Vielfalt einer Sprachkultur aufzeigen sollen, damit sich die Studierenden auf eine vielfältige neue Kultur vorbereiten können, um mit offenem Geist und wachem Verstand eine Sprache, ihre Sprecher und deren Lebensumfeld zu entdecken.
In der Zwischenzeit wurde das Buch in der Universitätsbibliothek Heidelberg aufgenommen, es wurde auch in der Deutschen Nationalbibliothek für die Standorte Frankfurt am Main und Leipzig eingereicht.
Zuletzt noch eine persönliche Bemerkung: im Jahre 1996 fand meine erste Reise nach Rußland, nach Sankt Petersburg, statt; 2008 war ich auf Einladung der bekannten russischen Forscherin Dr. Anna Permilovskaya zum ersten Mal in Archangelsk als Gast der Russischen Akademie der Wissenschaften. Während eines Empfangs im Rahmen meines Aufenthaltes sprach mich Maria Drushinina an und unterbreitete mir mit kreativem Charme ihre akademischen Vorschläge. Daraus entstanden wunderbare Lehrveranstaltungen, anregende Gespräche mit unseren Studenten, Postgraduierenden und Stipendiaten. Alle Begegnungen mit unseren Studenten und dem freundlichen Kollegium zeigten mir, wie wertvoll ein offenes, ehrliches Wort im Auditorium Maximum, im Seminarraum und im persönlichen Gespräch ist. Ich erfuhr beständige Herzlichkeit und Freundschaft und ich bin der festen Überzeugung, daß wahrer akademischer Geist auch die Verschiedenheit in persönlichen Auffassungen und Standpunkten aushält. Das verstehe ich als Basis akademischen Denkens und Handelns zum Wohle und für die Zukunft unserer Studenten und im Sinne unserer gemeinsamen Forschungsgeschichte.